Einmal muss auch ich nach Biel
Mitte Juni fuhr ich nach Hameln und wurde nach der Ausfahrt von A 7 auf mehrfache Umleitungen geschickt. Dadurch kam ich an Feldern vorbei, durch tiefe Wälder, kleine Dörfer und noch kleinere Weiler, es war einfach herrlich. In Stadtoldendorf hing ein Banner mit der Aufschrift: „24-Stunden-Lauf“ über der Straße. Am Ortsausgang, wieder wurde ich umgeleitet, fuhr ich am Stadion vorbei, und tatsächlich bauten dort gerade Helfer einen Start- und-Ziel-Bereich auf. Doch, schwupp, war ich auch schon vorbeigefahren. Morgen also ein 24 Stunden Lauf in Stadtoldendorf!
Auf meiner weiteren Autofahrt versuchte ich mir vorzustellen, wie das wohl ist, 24 Stunden am Stück zu laufen, nur unterbrochen durch kurze Esspausen, dabei vielleicht ein kleiner Plausch mit den Betreuern. Später, bei Nacht, die Zuschauer sind längst nach Hause gegangen, Schichtwechsel beim Kampfgericht. Nur die Läuferinnen und Läufer bleiben, sie laufen, 24 Stunden.
In meinem Auto Richtung Hameln fahrend dachte ich an die Ultra`s, diese eigenwillige Spezies von Langläufern, und natürlich fiel mir sofort die „Nacht der Nächte“ ein: die 100 Kilometer von Biel. Beim diesjährigen Rennen gab es bei den Männern eine sehr knappe Entscheidung. Es siegte David Girardet vor Adrian Gröblin mit nur 35 Sekunden Vorsprung. 35 Sekunden! Das sind gerade einmal 100 Meter. Eine Sprintentscheidung, sozusagen.
Als ich durch Negenborn fuhr, stellte ich mir vor, wie die beiden wohl gelaufen sind. Start um 22:00 Uhr, dann 99 Kilometer Brust an Brust. Die Stille der Nacht nur durchbrochen durch das Schnaufen des Gegners und vielleicht noch durch ein Wort der Aufmunterung?
Nein, so war es nicht. Ich weiß, dass ein 100 Kilometer Lauf anders gelaufen wird, wie ein 5000 Meter Rennen. Schließlich habe ich auch schon einen 84 Kilometer Lauf hinter mich gebracht. (Bitte fragen sie jetzt nicht, wie es mir erging. Aus meiner Sicht ist ein 100 Kilometer Lauf ein zähes Ringen mit sich selbst.)
In Wirklichkeit liefen Girardet und Gröblin nicht Brust an Brust. Nach sechs Stunden hatte Gröblin acht Minuten Vorsprung vor dem späteren Sieger Girardet. Warum nur hat Gröblin das Rennen dann noch verloren? Glaubte sein Verfolger Girardet zu diesem Zeitpunkt noch an einen Sieg? Oder sind diese Begriffe für die Nacht der Nächte gar nicht zulässig. Sieg, Vorsprung, Rückstand, Niederlage. Wahrscheinlich nicht.
Mit dem Auto durch Hehlen fahrend, sagte ich mir: Die 100 Kilometer läuft man anders, spürt man anders und bei 100 Kilometer denkt man anders. Mir fiel Martin Grüning ein, unser Coach von RUNNER’S WORLD. Als er 2004 zum ersten Mal nach Biel kam, soll er vom Ultra Fachmann „Schneegi“ schlechthin mit den Worten empfangen worden sein: „Tempoeinheiten, Intervalle, Bahnläufe? Kannste wegschmeißen! Bringt nur völlig unnütze Schnelligkeit – Ausdauer und Lahmarschigkeit sind ab jetzt gefragt.“ Die Warnung kam zu spät. „Ich wusste schon nach 60 Kilometer, dass ich mit diesem Tempo nicht durchkomme“, gestand mir Grüning einige Zeit später. „Qualitativ anspruchsvoller und quantitativ exzellenter Einbruch“, nannte es Schneggi. Ich konnte mir das nicht wirklich vorstellen. So eine Strecke muss doch in den Griff zu bekommen sein. Trotz Nacht und müder Beine, trotz Hungerast und Ho Chi Min Pfad.
Ich fuhr gerade durch Emmern, da lockte Biel. 100 Kilometer? 84 habe ich schon geschafft (und das ohne Training!) Was wenn ich mich vorbereite? Kurz vor Hameln beschloss ich Schneggi um einen Trainingsplan zur Vorbereitung für Biel zu bitten.
Dann war die Fahrt zu Ende. Die Landschaft, die Dörfer, Stadtoldendorf: einfach sagenhaft.
