Woher kennt Kati Witt meine Gene?


Zwei Wochen Olympische Spiele sind ganz schön anstrengend. Kaum war eine Goldmedaille gewonnen, musste ich mit meinem Sohn den Bewegungsablauf der jeweiligen Disziplin ausprobieren. Beim Biathlon war das noch einfach und machte auch Spaß, doch wie sollte ich das Bobfahren nachvollziehen? Mein Sohn lehnte es ab, nur mit dem Schlitten einen Hang hinunterzufahren. Das war zu wenig. Nach einer Woche Olympia baute er im Garten seine eigene Bobbahn. Die Reckturnstange wurde mit Biertisch und Bänken zur Anlauframpe. Dann türmte er Schneemassen im abschüssigen Gelände aufeinander. Zwei integrierte Gartenmauern sollten für den nötigen Nervenkitzel sorgen.
„Das ist zu gefährlich“, meinte ich bestimmend. „Auf keinen Fall kannst du da runter“ „Ach was“, entgegnete er, „die Bahn ist vom IOC schon abgenommen.“ Zum Glück setzte über Nacht das Tauwetter ein und IOC hin, Bauabnahme her, die Bahn war weg geschmolzen.

Die zweite Olympiawoche also ohne Schnee im Garten. Vielleicht war es deshalb – trotz vieler Medaillen, auch nur halb so schön. Zudem fand ich Ablenkung in anderen sportlichen Highlights. Beispielsweise die Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaft. Gut, die Meisterschaft ging im Olympiataumel etwas unter. Ganz Deutschland ist ja eine Wintersportnation und laut Kati Witt haben wir alle ein Wintersportgen auf unserer Festplatte. Hallo? Was ist denn das? Woher kennt Kati Witt meine Gene?
Aber egal, zurück zu den Leichtathleten. In der Halle war eine Disziplin echt stark: das Kugelstoßen. Laut Experten „absolute Weltklasse“. Keine Angst, das Kugelstoßgen ist ganz selten verbreitet. Drei Mann kamen über 20 Meter. Doch direkt nach dem Wettkampf beschwerten sich die Athleten, dass sie, die großen starken Männer mit dem seltenen Kugelstoßgen, überhaupt nicht wahrgenommen werden. Immer dreht sich alles um die Sprinter, sagen sie. Und tatsächlich hatte man bei der Deutschen Meisterschaft eine Discobeleuchtung auf der 60-Meter Bahn installiert. Schnell gelaufen sind sie trotzdem nicht.

Der zweite Protest der starken Kugelstoßgenmänner ging an die Läufer. Immer nur bei diesen Wettbewerben toben die Zuschauer in der Halle. Das ist nun wirklich einfach zu erklären: Es liegt an unsern Genen. Weder haben wir ein Kugelstoßgen noch ein Wintersportgen. In Wahrheit sind wir Läufer. Mit dem Winter verbinden wir ohnehin nur Dunkelheit, Kälte, Eis und Schnee auf den Straßen und Gehwegen. Insgeheim warten wir aber schon ab Mitte Januar auf das Frühjahr, um zu laufen.
Und jetzt belegte eine neue Studie, dass Laufen auch gegen Depression hilft. Beim Laufen wird der Nervenwachstumsfaktor BDNF vermehrt ausgeschüttet und damit wachsen Nerven, die uns die Welt für schön verkaufen. Ein toller Nebeneffekt, den sogar Kugelstoßer für sich zu Nutze machen.
Vor Jahren beobachtete ich einen Werfen, der im Training einen Dauerlauf machte. Begonnen hatte er am ersten Tag mit 500 Doppelschritten. Am Ende von zwei Wochen war er bei 1500 Doppelschritten angekommen. Einen so glücklichen Menschen habe ich selten erlebt.

Dies beweist doch eindeutig, dass Laufen, und sonst nichts, in unsern Genen angelegt ist. Die Nervenzellen, der Nervenwachstumsfaktor BDNF, unser zwei Beine, der aufrechte Gang, die Energiebereitstellung, der Marathon, all das ist in unsern Genen. Keine Kugel kommt darin vor, keine Kuven und Schlitten und vor allem keine Doppelachser. Das machen Menschen nur zwei Wochen lang bei Olympia. Jetzt im Frühjahr beginnen unsere Spiele: ab zum Dauerlauf.

 

Kolumnen für taz / Runner's World