Gehen - das Läufer-Tabu

Lauf der Woche
Freitag: 17.06.2011
Ort: Biel
100 km durch eine heu-duftende Nacht. Oder, ein Tabu-brechender Lauf
Ich melde mich vom Dauerlaufen. Ja, diesmal wirklich richtig. Also Dauerlaufen…laufen! 9:45 Stunden – laufen, nichts als laufen, immer weiter und weiter und weiter.
An dieser Stelle muss ich mich korrigieren: manchmal – Schande über mich – manchmal bin ich während der 100 Kilometer bei Biel GEGANGEN. Jawohl, richtig gegangen. Ein Tabuthema unter Läufern, ich weiß.
Nein, es war nicht Walking oder Wandern. Es war weniger als das. Geschlichen bin ich. Ab Kilometer 70 geschlichen. Laufen und Gehen im Wechsel. 10 Minuten laufen – 2 Minuten gehen. (auch mal andersrum) War hart. Aber zu dieser Zeit wurde es gerade wieder hell. Die Vöglein zwitscherten ihr erstes Lied. Das Rennen wurde ja um 22 Uhr gestartet. Und die ersten Stunden hat es geregnet, kann ich ihnen sagen, nein, Regen war das nicht mehr, es war vielmehr wie eine Sintflut.
Mit einer erneuten Sintflut rechnete wahrscheinlich auch die katholische Kirche. Denn ansonsten hätte Bischof Fürst eine Tagung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Titel „let`s think about sex“ nicht abgesagt. SEX! In der Kirche! Ein echtes Tabuthema. Das musste er doch absagen. SEX! Wo kommen wir da hin?
Ich kam dem Ziel näher. Ja, als ich die Barriere des Tabuthemas durchbrochen hatte, ging es mir sogar besser. Endlich GEHEN! Laufen ohne Flugphase, kein harter Aufprall, leicht federnd ging ich (also fast) und endlich hatte ich Zeit zum Essen und Trinken. Dann die Zeit. Endlich kein Blick mehr auf die Uhr. Ob nun Sekunden verrinnen oder Stunden. Bestzeit, Endzeit, Zielzeit. Ach, der Weg ist das Ziel (war eh schon alles Wurst) Warum noch auf die Uhr blicken.
Ja, das Zulassen des Tabus, das Beschäftigen damit, eröffnet einen völlig neuen Blick. Und ich hab mich beschäftigt, mit dem Tabuthema GEHEN beim Laufen: 30 Kilometer lang habe ich mich beschäftigt. Zugegeben, aus der Not heraus. Doch Not ist ein schlechter Ratgeber. Wohin Not führen kann, konnte die katholische Kirche in den vergangenen Jahren auch berichten.
Um dieser Notlage – GEHEN beim Laufen – zu entkommen, um eine Vorwärtsverteidigung (besser: Vorwärtsbewegung) zum Tabuthema zu machen, besorgte ich mir gleich am Sonntag zwei Stöcke. Nordic Walking – als Läufer. Freiwillig, ohne Not! Ja, lieber Herr Bischof Fürst, das geht.
