Kolumne August 2011
Nie wieder!
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Diese Fußballweisheit haben Laufexperten längst in „Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf“ umformuliert. Was für ein Geschwätz, kann ich nur sagen. Die Leute haben keine Ahnung. Nach Biel, nach meinem 100 Kilometer Lauf, nein, nie mehr, sage ich nur. Was eine Quälerei die letzten Monaten! Und natürlich muss ich mich rückblickend fragen: Was hat mich da geritten? „Nacht der Nächte“ - „Irgendwann musst Du nach Biel“, alles irreführend. Werbesologans zur Vermarktung eines Irrsinns. 100 Kilometer! Kein Mensch mit gesundem Verstand macht so etwas.
Nie mehr! Nie mehr eine Vorbereitung, nur noch traben, locker leicht durch den Wald – Hallo liebe Laufveranstalter, unterstehen sie sich, mich irgendwohin einzuladen. Nie mehr eine solche Quälerei!
Ja damals, als ich auf der Fahrt nach Hameln durch ein Kaff in Niedersachsen gefahren bin – zu meinem Unglück fand dort ein Ultralauf statt – 24 Stunden. Ach, träumte ich damals vor mich hin, diese Ultras, was für ein nettes Völkchen. Warum also nicht Biel? Mannomann, in einen wahren Rausch habe ich mich reingesteigert. Im Februar noch hätte ich die Reißleine ziehen können. Der erste lange Lauf, 30 Kilometer, eine Katastrophe. Ich bin Sprinter! Und was heißt langer Lauf? In der Vorbereitung auf Biel sind 30 Kilometer nicht lang, es ist Standard. Aber schon der Standard war zu viel. Die ganzen Monate kein schneller Schritt, kein Fahrtspiel, nix. Immer nur fünf Minuten Schnitt.
Immerzu musste ich mich bremsen, wegen Biel. Fünf Minuten Schnitt, bis die Krämpfe kamen und die kamen immer, auf die war Verlass. Unter „lang“ verstand ich nur noch Dauerläufe über 40 Kilometer! (Hallo, liebe Marathonfreunde, ihr Weicheier!) 40 Kilometer als langer Lauf - was für ein Schwachsinn! Heute weiß ich das. Um Krämpfe zu verhindern, musste ich die Schrittlänge verkürzen. Kaum Beinhub - ich kroch durch den Wald. Meine Oberschenkelmuskulatur brannte sosehr, dass es mir Tränen in die Augen trieb. Aber ich ließ mich nicht beirren, weiter ging es, immer weiter in der Vorbereitung. Ein Irrsinn!
Dann kam ich auf die Idee, das Laufen bei Nacht zu trainieren. Ich weiß bis heute nicht was mich da geritten hat. Martin Grüning schrieb in den Stunden, als ich zum ersten Male einen solchen Testlauf in der Nacht machte, einen Blog auf meiner Seite. Er schrieb, er trinke gerade ein Glas Wein und esse ausgezeichnet. Er liege auf dem Sofa, ein Kissen zurrecht rückend - all das, während ich durch die Tübinger Nacht gelaufen bin, zur Vorbereitung auf Biel.
Grüning fragte auch, ob ich noch bei Trost bin. Gute Frage. Gibt es etwas Blöderes, als 50 Kilometer durch die Nacht zu laufen – von Hungerast zu Hungerast – um dann, total platt, grau, kaputt (alle drei Begriffe gleichzeitig!) um zwei Uhr Nachts zu Hause anzukommen? Danach Schmerzen, überall! Gibt es etwas Blöderes?
Sie fragen, warum ich das tat? Keine Ahnung, doch es gab kein Weg zurück, es war wie ein Sog. Ich verletzte mich an den Adduktoren. Machte heimlich im Keller Jogaübungen, drei Wochen lang zweimal pro Tag! Einmal überraschte mich dabei mein Sohn. Ich schwafelte etwas von breiiger Masse im Adduktorenbeireich, doch er ging kopfschüttelnd wieder nach oben. Wissen sie, wie peinlich das war? Doch durch nichts ließ ich mich aufhalten. Im Badezimmer hängte ich mir meinen Trainingsplan auf und hackte die absolvierten Einheiten ab. Fremdgesteuert, fremdbestimmt, von Einheit zu Einheit. So war das, diese Zeit. Total verrückt. Nie mehr eine solche Quälerei!
…..wobei, soll ich ihnen etwas sagen? Das war seit acht Jahren die geilste Zeit für mich als Läufer!

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: