Kolumne September 2011
Luft dranlassen
Ach ist das schön! Die Landschaft, das Wasser, die Sonne: Meine kleine Insel im Mittelmeer ist ein wunderschöner Ort. Schon seit Jahren verbringe ich mit meiner Familie die Sommerferien hier in Bella Italia. Es ist eine wirklich kleine Insel. Sechs Kilometer lang und drei Kilometer breit. Wundervolle Buchen und Strände hat sie, einen Berg in der Mitte, drei Dörfer, mehr gibt es nicht. Und was ist mit Laufen, werden sie fragen? Nichts ist mit Laufen. Das ist doch das Schöne. Endlich kein Laufschritt. Ich genieße das schon seit Wochen – seit dem 18.Juni 2011.
Über Nacht ist mir die Erkenntnis gekommen, dass ich kürzer treten muss. Nicht so viel Training, „Luft dran lassen“! Ja, hier oben auf meiner Terrasse mit Blick auf die türkis glänzende Bucht gelingt mir das besonders gut. Der laue Sommerwind streicht mir um die Nase. Luft, ich spüre die milde Mittelmeerluft, überall lass ich sie drankommen. Mein Blick schweift über die Bucht hinüber zum steilen Berggelände. Eine grüne Buschlandschaft und dazwischen blinkt der schwarze Teer der Straße hindurch, die in vielen Serpentinen hinauf zum Bergdorf führt. Von dort geht es abermals in vielen Kurven hinunter zum zweiten Fischerdorf. Sechs Kilometer misst diese Distanz. Entweder steil hoch oder steil runter. Es gibt keinen einzigen flachen Kilometer. Das einzige Flachstück – es sind 500 Meter! - ist mitten im Dorf. 500 Meter, nicht mehr und nicht weniger, sind flach, sprich laufbar! Alles andere können sie vergessen. Zu steil, zu felsig, zu heiß! Ist das nicht herrlich? Ein Leben ohne Laufen, ohne Trainingspläne und ohne Laufexperten. Ja, diese Motivationsgurus, die einem noch einen Dauerlauf auf der Zugspitze beim Skiurlaub verkaufen wollen. Frei nach dem Motto: Laufen kann man überall!
Freunde der Laufkunst: gemach, gemach. „Mut zur Lücke“, sage ich nur. Es ist jetzt fünf Uhr am Nachmittag. Langsam erwacht das Dorf zum Leben. Kein Mensch geht hier vor fünf Uhr an den Strand. Jetzt muss ich mich aufmachen. Langsam. Zunächst zur Bar, schließlich muss man sich den Landesgeflogenheiten anpassen. Erst dann ans Wasser. ANS Wasser wohlgemerkt. Nicht INS Wasser. Schwimmen? Hallo? Nein, nur bis zu den Knien, vielleicht auch noch zwei Zentimeter zum Oberschenkel, mehr nicht. „Schwimmen. Kräftigung von Rücken und Armen“. Präventionsgequatsche, sage ich nur! Die beste Prävention ist Ruhe. Ja, in der Ruhe liegt die Kraft. In meinem früheren Leben, also vor dem 18. Juni, bin ich jeden Tag gelaufen. Jeden Tag! Sogar auf dieser Insel bin ich gelaufen. Stellen sie sich das mal vor. 500 Meter flach, mehr nicht. Alles andere freier Fall oder Aufstieg mit Seil und Hacken. Deshalb 500 Meter hin und her – 20 Kilometer. Was muss ich für ein Mensch gewesen sein? Die Familie allein zum Strand geschickt, ich hin und her, auf und ab, unten im Dorf. Die Bar, in der ich jetzt täglich verkehre, kannte ich gar nicht. Wenn ich heute dort einen Kaffee trinke, schaue ich direkt auf meine Laufstrecke von damals. Was haben die Menschen von mir gedacht, damals? 40-mal kam ich vorbei, jeden Tag – 40-mal an der Bar, bei 30 Grad! Da greift sich doch jeder normale Mensch an den Kopf.
Apropos normale Menschen: Ein Freund rief mich an. Er bräuchte einen Rat von einem Ultraexperten. Er bereite sich gerade auf seinen ersten 100-Kilometer-Lauf vor. Jeden Tag sei er gelaufen. Schon dreimal 50 Kilometer. „Und wie ist es gelaufen?“, wollte ich wissen. „Ich war so was von locker“, sagte er. Locker? 50 Kilometer? Genau so hat es bei mir auch begonnen.
Mein Expertentipp: Ich riet ihm von einem Start ab.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: