RW Kolumne März 2012 - Jetzt wandert er
Jetzt wandert er
Laufen hält jung. Laufen verleiht eine gute Figur. Laufen macht sexy. Stimmt alles, das erfahren wir tagtäglich aufs Neue. Ja, Laufen soll auch das Denkvermögen steigern. Nun, das probiere ich schon seit 30 Jahren mit mehr oder weniger großem Erfolg. Aber jetzt bin ich umgestiegen: Ich wandere.
Sind sie jemals auf einer ihrer Lieblingslaufrunden gewandert?
Schütteln sie jetzt nicht sofort ablehnend den Kopf, sondern versuchen sie es sich einfach mal vorzustellen. Beispielsweise auf ihrer 9-Kilometer-Schleife: wandern! Nun?
Ja, sie haben Recht. Das kann man sich nicht vorstellen. Und doch habe ich es getan. Jeden Tag, einen ganzen Monat lang! Eine völlig neue Erfahrung, kann ich nur sagen. Und alles wegen dem gesteigerten Denkvermögens. Ich war in großer Not. Mein neues Theaterstück „Brot und Spiele“ erforderte Textsicherheit, die ich nicht hatte, und bis kurz vor der Premiere auch glaubte, nie zu erreichen. Meine Regisseurin empfahl deshalb Bewegung. Kein Witz: Bewegung! Mir! Empfohlen! Wegen des Denkvermögens und so….
Super, der Baumann hat es gut, glauben sie jetzt, kann beim Laufen seinen Text lernen. Beim Laufen? Was wäre ich froh gewesen. Text lernen, beim Laufen – nebenher, spielerisch. Aber jetzt mal im Ernst, stellen sie sich das doch einmal vor: Sie traben mit einem Packen Papier durch den Wald! Bei mir würde das so aussehen: Laufen, laut sprechen, stottern, Textunsicherheit. Stehen bleiben, Uhr einstoppen, nachlesen. Ach so geht das! Sicherheit gewinnen, loslaufen, Uhr einstoppen. Sprechen, stottern, stehen bleiben, Uhr….Unmöglich!
Dazu kam die Vorstellung, dass mir jemand begegnen könnte, wenn ich auf meiner Haus und Hofstrecke unterwegs wäre, auf dem Spitzberg, laufend, mit einem Packen Papier in der Hand, laut und deutlich vor mich hin sprechend. Ich stellte mir zum Beispiel vor, ich würde die Rolle des Reporters lernen. Um den Text noch besser zu können, musste ich mich immer in die Rolle hineindenken. Beim Dauerlauf auf dem Spitzberg würde ich mich also ein 10000-Meter Rennen im Stadion vorstellen. 6000 Meter sind zurück gelegt, da macht der Held des Stückes, Bert Buchner, einen Zwischenspurt. Nun schreit der Reporter: „Ein Zwischenspurt, Buchner, der kurze hämmernde Schritt, das ist die Vorentscheidung….“ So weit so gut.
Ich malte mir aus, wie ich den Spitzberg hochlief, eine lang gezogene Linkskurve, eine unübersichtliche Stelle. Ich sah mich laufen, in der einen Hand den Packen Papier, in der anderen das imaginäre Mikrophon des Reporters. Ich schrie: „….der kurze hämmernde Schritt, das ist die Vorentscheidung“. In diesem Moment kämen meine zwei Nachbarinnen um die Ecke gelaufen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sie mich anlächeln würden. „Hallo Dieter. Alles klar?“ Und nachher höre ich die Leute erzählen: „Der Baumann macht jetzt einen auf Hölderlin. Zuletzt sah man ihn schreiend, mit einem Packen Papier, wild fuchtelnd im Wald“.
Deshalb also Wandern. Beim Wandern fällt man mit einem Packen Papier in der Hand in Tübingen nicht weiter auf. Ohne Papier schon, da wandert in Tübingen niemand, weil alle laufen. Aber die, die nicht laufen, die haben immer einen Packen Papier in der Hand. Es sind unsere Denker. Sie lernen - Texte oder wer weiß was. Meine Regisseurin hatte Recht: Bewegung, Text, Bewegung, Text. Seit Dezember wandere ich und lerne meinen Text auswendig. Aber ich achte auf meinen guten Ruf. Immer wenn ich Läufer sehe, breche ich ins Unterholz, damit mich keiner sieht. Denn eins ist noch schlimmer als schreiend, mit einem Packen Papier, wild fuchtelnd im Wald ertappt zu werden. Noch schlimmer ist es, wandernd ertappt zu werden.

Ein locker, leichter Abend über Laufen, Leben, Last und Lust: