Habe gerade meinen letzten deutschen Rekord gerade verloren. Was das mit mir macht?Ich freue mich für die neuen Rekordler. 

Der deutsche Laufsommer 2026 erlebt eine Rekordflut. Von 10 000 Meter bis 3000-m-Hindernis. Rekorde überall. Und bei jedem neuen deutschen Rekord werde ich von der Journaille gefragt, was das mit mir macht. Wieder ein Rekord verloren. Ob mich das emotional berührt? Aber natürlich berührt mich das! Ich bin von den Jungs begeistert. Freddy Ruppert blieb mit 7:57,80 Minuten als erster Europäer über 3000-m-Hindernis unter acht Minuten. Mohamed Abdilaahi mit 26:56,58 Minuten über 10 000 und 7:25,77 Minuten über 3000 Meter unter historischen Marken. Dazu gesellt sich Florian Bremm mit 12:56,80 Minuten und wieder Ruppert mit 12:57,61 Minuten im erlauchten Kreis der unter 13-min-Läufer über 5000 Meter. Die Jungs schreiben gerade Sportgeschichte! Es berührt mich, und wahrscheinlich viele andere auch, weil wir erahnen, welch lange Laufstrecke hinter den Athleten liegt. Viele Jahre Training, viele Wettkämpfe, einige Erfolge, aber sehr viel mehr Niederlagen haben sie erlitten, verarbeitet. Haben sich wieder und wieder aus dem „Tal des Zweifelns“ befreit und herausgekämpft. Es ist ein langer Prozess und ich sage immer: Wenn es einfach wäre, würde es jeder machen. Eine Garantie, ob es klappt, gibt es nicht und, ja, in diesem Sinne berührt mich ein solcher Lauf-Hoch-Sommer.

Persönlich aber berührt es mich nicht. Rekorde hin oder her. Unter 13 Minuten, was ist das schon? Wenn ich nachdenke, was genau ich verloren habe, fällt mir wenig ein. Meine 5000-m-Zeit steht, wie 12:54,70 Minuten nun mal stehen können. Zur Wahrheit gehört aber auch, ich kann mich an damals kaum noch erinnern. Das ist alles lange her. Der 5000-m-Rekord war in Zürich 1997, der über 10 000 Meter in Spanien (wie hieß der Ort noch gleich?) und der 3000-m-Rekord 1998 in Oslo. Ja, bevor Mohamed Abdilaahi den Rekord im Frühjahr verbesserte, war ich überzeugt, dass ich den Rekord in Oslo gelaufen sei. Damals habe ich mich auf den letzten 20 Metern „abnicken“ lassen. (Wirklich schwach, ein hergeschenkter Sieg. Hausmannskost!) Doch mit dem Rekord von Mo musste ich aus der Presse erfahren, dass es gar nicht in Oslo war, sondern ein Jahr später in Monaco … Ach, seid doch mal ehrlich: Wisst ihr denn noch, welche Zeit ihr vor 28 Jahren bei einem Marathon gelaufen seid? Und kennt ihr (ohne nachzuschauen!) eure Bestzeit von damals auf die Zehntel genau? All so was möchten die Journalisten von mir wissen.

Nein, ich bin nicht emotional berührt. Es fühlt sich eher so an, als wäre das damals ein anderer Dieter gewesen. Eine Person, die ich zwar kenne, mir aber doch ein wenig fremd geworden ist. Sehr weit weg, 28 Jahre eben. Dann versuche ich nachzuspüren, wie das damals war. Flugzeug, Hotel, Stadion, Trainingslager und weiter, geradezu rastlos. 28 Jahre, ein halbes Leben. Wir haben zwei Kinder großgezogen, ich habe vier Bücher geschrieben, fünf Kleinkunstprogramme inszeniert, 336 Kolumnen verfasst. Ich habe eine Krise überstanden, von der ich glaubte, mich nie davon zu erholen, und aktuell versuche ich, die Schwindelattacken der seltenen Krankheit Morbus Menière zu überstehen. Und ja, ich bin immer gelaufen. Mit Einsteigern, mit Marathonfetischisten, mit Managern,  mit Menschen im Knast. Da mache ich keine Unterschiede. Weil Laufen für uns alle das Gleiche ist: einfach schön. Aber das Laufen heute ist für mich nicht das Laufen wie vor 28 Jahren. Es ist eine andere Disziplin. Und ich wundere mich schon, welch „Tanz“ heute darum gemacht wird, dass jemand unter 13 Minuten läuft. Unter 13 Minuten? Liebe Leute, das kann ich doch immer noch. Über 3000 Meter! Schnitt 4:19 Minuten, ergibt 12:57 Minuten. Und wenn es mir gelingt, dann bin ich wirklich total emotional berührt. Ehrlich.