Wo früher Jagdgesellschaften laut geknallt haben, sollen heute Laufgesellschaften auf einmal Ruhe bewahren. Komische Zeiten, meint Dieter Baumann, und hat den nächsten Dorflauf abgehakt
Bebenhausen – Baden-Württemberg – 326 Einwohner – 34. Forstlauf – 220 Teilnehmer – 8,4 Kilometer – 136 Höhenmeter
Natürlich gehört Bebenhausen zur Universitätsstadt Tübingen. Und doch liegt das 326-köpfige Dorf isoliert inmitten des Schönbuchs außerhalb der Stadtgrenze. Der Forstlauf in Bebenhausen erfüllt glasklar die Kriterien eines Dorflaufs. Auch die Höhenmeter passen (dazu später mehr) und das geschichtsträchtige Startgelände erst recht. Denn gestartet wird aus dem Kloster- beziehungsweise Schlosshof heraus. Ja, Kloster greift zu kurz. Über viele Jahrhunderte regierten dort Zisterzienser. Es ging während der Reformation hin und her. Mal katholisch, mal evangelisch. Ab 1864 ließ der damalige König von Württemberg das Kloster zum Jagdschloss umbauen. Fortan frönte der König dort seiner Jagdleidenschaft. Legendär wohl die großen Treibjagden. Das Wild wurde vom Gesinde auf eine große Wiese in der Nähe des Klosters getrieben. Die Jagdgesellschaft wartete dort, um die Tiere aus nächster Nähe abzuschießen. Nach dem Startschuss stellte ich mir vor, wie wir, die 220 Läuferinnen und Läufer, das Gesinde der Laufbewegung, vom Klosterhof aus mit lautem Gebrüll durch den Wald trampeln, um die Wildtiere auf die Wiese zu treiben. Sorry für die blühende Fantasie, aber so muss es gewesen sein.
Heute ist das anders. Unmittelbar nach dem Start wird mit einem Schild „Bitte Ruhe – Gottesdienst“ versucht, unnötigen Begeisterungsrufen vorzubeugen. Kein Gebrüll, kein Getrampel also. Wir versuchten, auf Zehenspitzen über die groben Pflastersteine ums Gotteshaus zu tänzeln. Mit wenig Erfolg. Bevor ich aber zum Rennen komme, noch ein Satz: Dorfläufe sind per se hügelig, doch noch nie wurde ich durch eine gezielte Ansprache davor gewarnt. Wahrscheinlich lag es an der neuen Strecke. Die alte Route war eine „out and back“ Variante, weil es die einzig flache, exakt vermessene, 10 km Strecke ergibt. Für Bestenlisten-Fetischisten also die einzige machbare Idee. Nun aber neues Orga-Team, neue Strecke, circa 8,4 km (?), sehr hügelig (!), mit dem Ergebnis: Teilnehmerrekord. Läuft. Die neuen Organisatoren improvisierten mit Lautsprecherbox unterm Arm. Der Mann am Mikro erklärte die Strecke und meinte, die ersten 1,4 Kilometer „wären sehr steil“, dann käme ein „weniger schlimmes Stück“, um dann „in einen knallharten Anstieg“ überzugehen. Mich schreckte das nicht ab. (Meine Wade vielleicht, mich nicht!)
Damit zum Rennen. Start durch das kleine Schlossportal, vorbei am Schild mit dem Hinweis zur Ruhe, leise tänzelnd also entlang der Friedhofsmauer. Ich hielt mich mit dem Tempo zurück (nicht wegen des Friedhofs, sondern wegen des Anstiegs). Und wirklich, nach 300 Metern, ging es hoch. Ich erwartete das Schlimmste, doch es war nichts. 2,4 Kilometer tippelte ich meinen Stil den steilen Berg hinauf und lief an ganz vielen gehenden Läufern vorbei. Ja, auch alte Laufveteranen ließen sich durch die Startbegeisterung hinreißen und kamen mir am Berg wieder entgegen. Doch auch mir gelang nicht alles. Meine Renntaktik ging so: 2,4 Kilometer Zurückhaltung, dann 3,5 Kilometer beschleunigen und die letzten 2,5 Kilometer (bergab) maximaler Druck. Um es abzukürzen: Der erste Teil gelang, der zweite fast, und über den dritten Teil meines Planes schweige ich.
Grundsätzlich aber finde ich hügelige Strecken wunderschön. Nur bergab kann ich nicht. Für die 8,4 Kilometer brauchte ich 36:44 Minuten. Gut, dass ich in meinem langen Laufleben eine verlässliche Höhenmeter-Zeiten-Umrechnungstabelle entwickelt habe. Im Gegensatz zum Alters-Milde-Leistungs-Rechner ist die auf die Sekunde genau. Meine Zeit in Bebenhausen entspricht nach Berücksichtigung der Höhenmetertabelle einem Schnitt von unter 4 Minuten pro Kilometer! Danke, Forstlauf Bebenhausen.

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