Es war ganz anders. Wie’s wirklich war, als Dieter Baumann in seiner Jugend mit der Familie eine Radausfahrt tat, das erfährt man jetzt.
Es war ganz anders mit der Rennradausfahrt vor über 48 Jahren. Es stimmt zwar, mein Bruder und mein Cousin haben mich bei jeder Gelegenheit abgehängt und, ja, mein Vater fuhr uns mit seinem 2CV (bitte googeln) hinterher, sah mich am Schlussanstieg heulend am Straßenrand hocken, aber hat mich nicht sitzen lassen. Darauf legte er beim Erzählen der Geschichte bei einem Familientreffen in diesem Frühjahr großen Wert. Er habe sogar das Rad aus dem Gebüsch gezogen, das ich dort hingeworfen hatte. Ohnehin wurde bei dem Familienfest mächtig an meinem Heldenstatus gekratzt. Mein Vater war begeisterter Skilangläufer. Mein älterer Bruder auch. Ich nicht. Musste aber mit. Laut der Erzählung meines Vaters hätte er mich wegen Lustlosigkeit immer an eine Leine gebunden, um mich hinterherzuschleppen (Betonung auf „immer“).
Um abzulenken und ein anderes Thema zu finden, schlug ich vor, die Rennradtour von damals dieses Jahr zu wiederholen. Es folgte eine lange Diskussion über wie, wann und wer. Am Ende waren wir vier, die sich im Sommer, 48 Jahre später, auf den Weg von Blaubeuren nach Welten-
schwann machten. Mein Bruder, der Fußballtrainer und Jeden-Tag-Radler. Mein Cousin, Sportkegler: „Ich fahre mit dem E-Bike.“ Und dann noch der einzige Rad-Profi unter uns, ein weiterer Cousin, Mountainbiker und Ortler-Umrunder. In nur 3 Minuten hatte er über seine Radler-App eine viel bessere Route als damals gefunden. Allerdings 30 Kilometer länger. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er damit die Verantwortung für die Strecke übernommen. Wahrscheinlich deshalb fuhr er immer vorweg. Meist 10 Meter vor uns. Und tatsächlich fand er jeden Abzweig und jeden noch so versteckten Fahrradweg. Zu erwarten wäre eigentlich gewesen, dass unser E-Biker vorausfährt. Doch der hielt sich im Windschatten, weil er Angst um seinen Akku hatte. Zu Recht, denn er schleppte zwei Satteltaschen, Lenkradtasche und Rucksack mit sich rum. Ich hatte bis auf ein trockenes T-Shirt nichts mitgenommen und lieh mir alles von den Cousins. Von der Sonnencreme bis zur Unterhose. Es war eine Rundum-sorglos-Ausfahrt. Na ja, nicht ganz. Ab und an ließ mein Bruder den Fußballtrainer raus. Wenn der 10 Meter vorausfahrende Ortler-Umrunder bei einem Abzweig nach rechts zeigte, pfiff mein Bruder laut und rief: „Männer! Hier lang“, dabei zeigte er nach links. Fußballtrainer sind es wahrscheinlich gewohnt, Führung zu übernehmen, Navi hin oder her. Irritiert kehrten wir um und fuhren ihm hinterher, um nach wenigen Minuten festzustellen: Sackgasse. Das wiederholte sich: ein Pfiff, ein Schrei, Sackgasse. Kein Radfahrer ist aus mir geworden, kein Skilangläufer, auch kein Fußballer. Die pfeifenden Trainer haben mich vertrieben. Es blieb nur Laufen. Beim vierten Pfiff ignorierte ich das Brüllen. „Weiter! Wir fahren weiter“, rief ich. „Er kommt bestimmt wieder.“ Nach 30 Minuten war mein Bruder wieder dran. Etwas erschöpft.
Kurzum, es war eine rundherum gelungene Ausfahrt. Leider lag die Unterkunft nicht oben am Berg, sondern im Tal! Nach dem Duschen blieb jede Überredungskunst von mir erfolglos, zum Restaurantbesuch den Berg wieder hochzufahren. Mein zweiter Versuch („Lasst uns doch zu Fuß gehen“) war stimmungsmäßig mit der Meuterei auf der Bounty vergleichbar. Aber zum Glück sind wir mit dem halben Dorf verwandt. Ein Übers-Eck-Cousin holte uns zum Essen ab. Und der steile Schlussanstieg? – siehe September-Kolumne –, wirst du fragen. Nein, die letzten Kilometer hoch nach Weltenschwann warf ich mein Rad 48 Jahre später nicht ins Gebüsch. Ich wusste: Mein Vater fährt nicht mit dem Auto zum Einsammeln hinterher. Sonst hätte ich’s getan.
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