112 Kilometer von Blaubeuren nach Weltenschwann – drei Jungs, 13 bis 15 Jahre alt, ohne Handy und Google Maps. Was von dieser Tour vor 48 Jahren blieb: Radfahren war nicht so mein Ding
Es war eine besondere Radtour. Wir fuhren mit dem Fahrrad von Blaubeuren nach Weltenschwann. Von meiner Heimatstadt zu einem kleinen Dorf im Nordschwarzwald, aus dem mein Großvater stammte. 112 Kilometer. Das Besondere: Mein Bruder, mein Cousin und ich waren 13, 14 und 15 Jahre alt. Es war vor 48 Jahren. Es war vor der Zeit von Google Maps und Handy. In der Steinzeit also. Mein Vater fuhr uns auf der Strecke einige Stunden später mit dem Auto hinterher. Von der Radtour gibt es sechs Fotos. Das waren in dieser Zeit wirklich viele Fotos, denn jeder Film in der Kamera hatte nur 36 Bilder. Auf einem Bild beugen sich mein Bruder und ich über eine weit ausgebreitete Landkarte. Ein anderes zeigt uns bei einer Rast. Wir beißen genussvoll in einen Apfel.
Carbo-whatever-Riegel gab es noch nicht. Leider auch keinen Autofokus an der Fotokamera, denn alle Fotos waren unscharf. Wahrscheinlich hat mein Onkel meinem Cousin den Kopf abgerissen wegen der unscharfen Bilder. Denn Film und Entwicklung waren teuer.
Erst wenige Monate vor dieser Radtour hatte ich an Ostern mein erstes Fahrrad geschenkt bekommen. Dreigangschaltung! Nur wenige Tage später radelte ich mit einem guten Freund zur Probefahrt nach Ulm, rund 25 Kilometer. Die erste Erkenntnis von damals: Auch ein sehr gutes Rad macht noch keinen guten Fahrer. Mein Freund hingegen fuhr tagein, tagaus mit seinem Rad durch die Stadt. Bei jedem Hügel zog er mir davon, nur, um oben gelangweilt auf mich zu warten. Die zweite Erkenntnis: Training hilft wirklich. Alle, die die Strecke von Blaubeuren nach Ulm kennen, werden sich fragen: Wo gibt es denn dort Hügel? Zugegeben, auf dieser Strecke sind die Hügel winzig. Es sind Hügel, die man nur spürt, wenn man ohne Training fährt. Dann spürt man sogar Hügel, die es nicht gibt. Als mich mein Freund nach dem dritten Hügel, den es nicht wirklich gab, wieder abgehängt hatte (nach dieser Radtour war er nicht mehr mein Freund), habe ich mein Rad genommen und heulend ins Gebüsch geworfen. Die Radtour war beendet.
Mit diesem Erlebnis brachen wir in den Sommerferien in den Schwarzwald auf. Doch die Voraussetzungen hätten nicht ungleicher sein können. Mein Bruder und mein Cousin waren älter und beide fuhren ein Rennrad. Fünfgangschaltung! Die Erinnerung an diese Ausfahrt ist mit einem Wort zu beschreiben: A-b-g-e-h-ä-n-g-t! Ging es den Berg hoch, wurde ich abgehängt. Ging es runter: angehängt. Und fuhren wir auf der Ebene, hing ich so lange am seidenen Faden, bis ich abgehängt wurde. Ich habe diese Ausfahrt nur deshalb ohne großen Schaden überstanden, weil ich diese Schmach bis heute ausgeblendet bzw. neu zusammengesetzt habe. Es gibt zum Beispiel ein Ereignis von damals, das sich meines Erachtens so zugetragen hat: Am Ende der 112 Kilometer gab es den sehr steilen Anstieg von Calw über Altburg nach Weltenschwann. Ich wurde dort nicht nur abgehängt, sondern musste vom Rad steigen. Und: Sie warteten nicht. Trotz lauten Rufens fuhren mein Bruder und mein Cousin weiter. Voller Zorn nahm ich mein Rad und warf es heulend ins Gebüsch (es landete in dieser Zeit oft im Gebüsch). Dann setzte ich mich an den Straßenrand und machte nichts mehr. Stundenlang.
Bis mein Vater im Auto vorbeikam. In meiner Erinnerung klappte er das Fenster des 2CV hoch und fragte: „Geht’s dir gut?“ „Ja“, sagte ich. „Es sind nur noch zwei Kilometer. Das schaffst du noch“, rief er und fuhr davon. Ich sehe mich noch, wie ich die letzten Kilometer das Rad bis zum Bauernhof meines Großonkels schiebe. Damit war meine junge Radkarriere auch beendet. Beim letzten Familientreffen habe ich nun erfahren, dass es sich so gar nicht zugetragen hat. Es war ganz anders.
Hinterlasse einen Kommentar