Auf einer Finnbahn zu laufen, ist etwas anderes als auf Straße oder Laufbahn. Besser, schlechter? Anders halt. Wie früher manches anders war
Reutlingen – Baden-Württemberg– 117 000 Einwohner – Alb-Gold-Winterlaufcup – 582 Teilnehmer – 10,2 Kilometer –132 Höhenmeter
Im Januar versetzte der schwedische Weltklasseläufer Andreas Almgren die Läuferwelt in helle Aufregung. Er postete auf Instagram sein Intervalltraining: 10 x 1000 Meter schnell, beginnend in 2:37,60 Minuten, endend in 2:28,65. Lauf für Lauf, zehntelsekundengenau. Ein Hammerprogramm. Zur gleichen Zeit versetzte der Wetterexperte des ZDF, Özden Terli, ganz Deutschland in helle Aufregung. Er warnte vor dem Wintersturm Elli. Das war auch der Grund, warum ich am nächsten Tag morgens noch gut eingemummelt im Bett lag, als eine WhatsApp- Nachricht von einem Laufkollegen eintraf: „Läufst du heute in Reutlingen?“ Im Geiste hörte ich noch immer Özden Terli vom „ergiebigen Schneefall“ reden und antwortete, ohne aus dem Fenster zu blicken: „Beim Alb-Gold-Cup? Nicht bei dem Wetter!“ – „Welches Wetter?“, kam zurück. Verschlafen blickte ich aus dem Fenster und sah keine Spur von Elli. Kein Schnee, kein Eis, nichts. So schrieb ich zurück: „Wenn du läufst, lauf ich auch.“
Beim Nachmelden stellte ich zu meiner Freude fest: Die Strecke verlief auf der Finnbahn direkt am Stadion. Dazu musst du wissen: Die Finnbahn in Reutlingen war vor über 35 Jahren meine Tempolaufstrecke. In den Wintermonaten liefen wir dort jeden Samstag. Echtes Crosstraining. Regen, Schnee, Matsch, alles egal. Zur Not liefen wir mit Spikes, 18 Millimeter Dornen. Jedenfalls freute ich mich wie ein kleines Kind, mal wieder dort zu laufen. Unmittelbar nach dem Start gab es für mich aber gleich eine riesige Überraschung. Ich war offensichtlich der einzige Teilnehmer, der sich auf die Finnbahn freute. Keine Sau lief auf der Rindenmulchbahn (ja, Finnbahnen bestehen aus Rindenmulch). Alle, wirklich ausnahmslos alle liefen auf dem parallel verlaufenden, geteerten Gehweg. Ja gut, es war matschig, ja, es fehlte der Grip, aber deshalb auf dem schmalen Gehweg laufen? Ich doch nicht! So glitt ich, nicht ganz mühelos, über die Finnbahn. Mitunter stand ich plötzlich knöcheltief im Wasser und das Herausziehen des Schuhes begleitete ein fast schon obszön klingendes, schmatzendes Geräusch, das selbst das laute Klacken der Carbonschuhe der anderen auf dem Gehweg übertraf. Was soll ich sagen? Es fühlte sich genauso an wie damals. Nur langsamer.
Wir starteten damals übrigens immer an der tiefsten Stelle der Runde. Zuerst ging es knapp einen Kilometer hoch, dann 500 Meter runter, um schließlich den flachen Querweg wieder zu unserem Startpunkt zu laufen. 2000 Meter. Unser Standardprogramm war 5 x 2000 Meter. Unsere Konkurrenzgruppe aus Pliezhausen startete immer am höchsten Punkt der Runde. Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit, anderer Startpunkt. Das war völlig normal. Wir ließen uns nur ungern in die Karten schauen. Der marokkanische Wunderläufer Saïd Aouita ließ einst in Davos das ganze Stadion sperren, nur damit keiner sah, welches Programm er absolvierte. Keiner wäre jemals auf die Idee gekommen, der Konkurrenz mitzuteilen, wie schnell, wie lang, wie oft er welche Tempoläufe gemacht hatte.
Heute ist das anders. Heute wird wirklich jede Trainingseinheit, jeder Kilometer, jeder Pulsschlag und, ja, mitunter jede Pinkelpause ins Netz gestellt. So auch vom Schweden Andreas Almgren. Nochmals: zehntelsekundengenau. Ein Hammerprogramm. Aber wahrscheinlich in der Halle, auf Schwingboden und mit Carbonfedern. Ich konnte das nie. Es gab kein Internet, kein Carbon und keinen Schwingboden. Deshalb hole ich das an dieser Stelle nach. Mein Programm von 1992: 5 x 2000 Meter, Finnbahn Reutlingen, tiefer Boden, Spikes, 18-er-Dornen, hüglig, 6:05, 6:02, 5:59, 5:46, 5:39 Minuten. Und? Jetzt? Platz 83. Beim Winterlaufcup in Reutlingen. Vor dem Kollegen. Immerhin.
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