Ein Treffen mit seinem alten Schulfreund Günni, einem sensationellen Könner beim Sprung vom Dreimeterbrett,
versüßte unserem Kolumnisten das Lauf-Comeback im 8-Minuten-Tempo

Mit einem sensationellen Comeback melde ich mich in die Szene zurück. Eine Stunde auf der legendären Tempolaufrunde am Spitzberg – laufend! Ohne Gehpause! Etwas enttäuscht, weil von den Medien ignoriert (gut, die Medien ignorieren auch deutsche Rekorde über 3000 Meter Hindernis durch Freddy Ruppert und 1500 Meter durch Robert Farken), ging ich in die Stadt und traf meinen alten Schulfreund Günni. Ihn hat es als Lehrer nach Tübingen verschlagen. Angesicht der Wetter­lage von 30 Grad kamen wir auf unsere Jugendzeit im Blaubeurer Freibad vor 40 Jahren zu sprechen: Wenn Günni im Freibad auftauchte, machte der Bademeister das Dreimeterbrett, das er kurz zuvor wegen Überfüllung geschlossen hatte, wieder auf. Denn Günni sprang nicht einfach vom Brett runter, nein, er war ein Ereignis.

Mit drei, vier kräftigen Sprüngen katapultierte er sich in ungeahnte Höhen, um dann das Publikum mit einem Kunstsprung ins Wasser zu beglücken. Mit zweieinhalbfachen Saltos, vorwärts, gehockt, gebeugt, gestreckt, wahlweise auch mal rückwärts gegen das Brett oder mit Schraube. Eine einzige Augenweide. Wenn er gut drauf war (und das war Günni fast immer), dann schleuderte er sich zu einer „küssenden Sau“ in die Höhe. Was, „küssende Sau“ noch nie gehört? Also aufgepasst! Nach mehrmaligem Federn hob Günni zu einem Rückwärtssalto an, nach einer Vierteldrehung öffnete er sich ruckartig und lag nun für einige Millisekunden völlig ausgestreckt rücklings zum Wasser in der Luft. In dieser Position raste er dem Wasser entgegen, um kurz vor dem Aufprall in einer blitzschnellen Drehung mit gleichzeitiger Klappmesserbewegung eine Wasserfontäne auszulösen. Je besser er die Klappmesserbewegung beim Aufprall mit dem Wasser traf, umso höher spritzte das Wasser. Ahs und Ohs gingen durch das Freibad. Ja, Günni war ein Ereignis.

„Weißt du, was mir neulich passiert ist?“, fragte mich Günni in der Stadt. „Ich war mit einer Schulklasse im Freibad. Da kam ein Schüler auf mich zu und wollte mir zeigen, was er auf dem Dreimeterbrett so drauf hat. Als er dann oben dreimal auf und ab gehoppelt war, keinen ­halben Meter über dem Brett, sprang er ab, und es tat sich nichts. Kein Spritzer, nichts. Da habe ich ihm gesagt, er solle jetzt mal die Augen aufmachen.“ Günni packte mich lachend an der Schulter. „Dieter, du kennst doch noch die ‚küssende Sau‘? Ich also hoch und mit vollem Schwung aufs Brett. Einmal, zweimal, ich schraube mich in die Höhe wie damals.“ Er lachte laut. „Also fast wie damals. Beim dritten Federn passierte es: Ich sage mal so, wir werden auch nicht mehr jünger. Ich kam also wieder aufs Brett, etwas schief, ach was, sehr schief und rutschte weg.“ Wieder lachte er. „Sind wir ehrlich, mir fehlt heute einfach die Kraft.“ Abermals lachte er und haute mir vertrauensvoll auf den Rücken. „Jedenfalls rutschte ich weg und kippte ohne jede Kontrolle ins Wasser. Es gab eine wahnsinnige Wasserfontäne. Gegenüber den Schülern tat ich so, als wäre das die Show gewesen. Am Abend stellte ich fest: Muskelfaserriss in der Wade.“ Nun schaute er mich mit großen Augen an: „Ganz ehrlich, im Kopf hatte ich die Bewegung noch voll drauf. Wirklich. Mein Kopf konnte es noch, aber der Rest des Körpers nicht mehr.“

Ich fasse zusammen: Mein Kopf kann noch drei Minuten auf den Kilometer laufen, der Rest des Körpers nicht. Nun laufe ich acht Minuten auf den Kilometer, denn nur bei diesem Tempo tut mir nichts weh, und ich brauche für meine Lieblingsrunde auf dem Spitzberg doppelt so lang. Ich kann also die wunderschöne Landschaft doppelt so lange genießen, bin die doppelte Zeit an der frischen Luft! Darum geht es doch, oder?