Endlich nahm der Dieter Baumann mal wieder an einem Dorflauf teil. Ursprünglich wollte er das ja über Jahre monatlich tun. Aber seine Gesundheit, sprich seine Wade, macht halt selten mit.
Ich saß auf der Terrasse des Hotels in Löhne-Ort und am Horizont türmten sich schwere Gewitterwolken auf. Dirk und Matthias, zwei der Macher des örtlichen Spatzenberglaufs, saßen mit am Tisch. Sorgenvoll blickten sie in die schwarze Wand. Ich versuchte zu beruhigen: „Der Lauf ist doch erst morgen früh.“ Meine Euphorie zündete nur mäßig, deshalb fragte ich: „Mal etwas anderes, wo ist denn dieser Spatzenberg?“ Schlagartig hellten sich die Gesichter auf. „Na, genau vor dir!“, sagten sie lachend im Chor. Dirk war am nächsten Tag für die Moderation zuständig und Matthias für allerlei rund um die Strecke. Ich blickte in die gezeigte Richtung und sah nichts. Doch beim genauen Hinsehen machte ich eine kleine Erhebung aus. „Wie jetzt? Das ist der Spatzenberg?“ „Ja klar, sieht man doch“, meinte Dirk und Matthias ergänzte eifrig: „96 Meter hoch!“
In der Nacht kam das Gewitter. Auch am nächsten Tag hatte sich die Wetterlage nicht beruhigt. Bei strömendem Regen traf ich im Startbereich des Spatzenberglaufs ein und hörte, dass sich die Startzeit verschieben würde. Eine Unterführung auf der Laufstrecke wäre durch den Gewitterguss unpassierbar geworden. Für die Organisatoren eines Laufs ein Albtraum. In einer Stunde musste eine neue Strecke her. Zuerst ging das Gerücht um, die 10-km-Strecke sei nun 11,5 Kilometer lang. Blöderweise hatte ich für die 10 Kilometer gemeldet. Was denn sonst. Früher war ein 10-km-Lauf schließlich ein lockeres Morgenläufchen. Heute ist das ein zweitägiges Projekt mit Magnesium, Wärmesalbe und einem Gebet ans Wadenbein. Und 11,5 Kilometer? Ein klarer Longjog. Nach einer Viertelstunde kam ein neues Gerücht auf: Die neue Runde sei nur neun Kilometer lang. Dirk verbreitete über das Mikrofon gute Stimmung: „Eine andere Runde bedeutet: Heute läuft jeder eine neue Bestzeit!“ Ich interpretierte das so, dass die 9-Komma-Runde wie eine 10 zu werten ist. Oder gar als 11,5?
Dann ging es Schlag auf Schlag. Aufwärmen mit Musik, Startaufstellung und los in Richtung Spatzenberg. Vorne tobten einige voraus, dann kam eine größere Läufergruppe, das Verfolgerfeld, und danach einzelne Nachzügler. Darunter auch ich. Nicht, dass es in Löhne einen Besenwagen gegeben hätte, nein, den gab es nicht, denn dafür ist Löhne viel zu sympathisch. Aber hätte es einen gegeben, den hätte ich mit meinem Tempo bestimmtirgendwann gesehen. Doch es kam anders.
Beim ersten kleinen Anstieg stiegen viele vom Laufen ins Gehen um. Das war meine Chance. Ich überholte und überholte. Der Besenwagen war Geschichte. Nach 300 Metern war der Spatzenberg bewältigt und aus der Verfolgergruppe waren viele Einzelkämpfer geworden. Plötzlich hörte ich Dirks Stimme aus der Lautsprecherbox: „10-9-8-7- …“, brüllte er ins Mikro. Das musste wohl der Start zum 6-km-Lauf sein, dachte ich. Wir waren also nur eine kleine Runde gelaufen und schon wieder ganz in der Nähe des Sportgeländes. Und tatsächlich, als ich um eine Ecke bog, tobte das Läuferfeld los in Richtung der Laufrunde, auf der ich gerade unterwegs war. Wenige Sekunden später fand ich mich inmitten des großen 6-km-Läuferfeldes. Ich entdeckte Matthias. „Die neue Laufstrecke ist top. Viel schöner als das Original“, rief ich ihm beim Überholen zu. Da waren wir auch schon wieder im Anstieg. Frei nach Wallenstein dachte ich: „Leider mag die Wade auch kleinste Berge nicht und spricht: Genug!“ Ich machte eine Gehpause. Nun wurde ich überholt. Ständig und von allen. Auch von Matthias: „Hast du das Gipfelkreuz gesehen?“ „Natürlich!“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Am letzten Kilometer wartete er auf mich und begleitete mich ins Ziel. Ganz ehrlich, das jemand kurz vor dem Ziel auf mich wartet, ist mir so auch noch nie passiert. Löhne, Spatzen(berg)lauf, 10 Kilometer. Oder waren es 11,5? Egal. Schön war’s.


Es ist ja auch der „Spatzen“Berg und kein „Elefanten“Berg. 🤣 Spaß beiseite. Natürlich klingt Berg immer nach was ganz Großem, aber der ein oder andere hat in den bisherigen 8 Spatzenberg-Läufen schon ganz leise geflucht, wenn es den Berg hochgeht. Immer wieder kommen dann alle aber fröhlich ins Ziel, in den bisherigen 7 Läufen immer bei Sonnenschein (Spatzcup-Wetter im Löhner Volksmund genannt), dieses Jahr halt mal die Regenpremiere. Aber auch das schreckt einen Läufer nicht ab, was auch die vielen spontanen Nachmelder zeigten.
Danke an Dieter für den tollen Abend vorher und natürlich auch für die Spatzenberg-Runde 👏🏻💐