Aufkommendes schlechtes Wetter, gar ein Gewitter, sollte man ernst nehmen. Tat Dieter Baumann noch nie und tut es bis heute nicht. Manche Dinge lernt man nie. Vielleicht, weil man sie einfach nicht lernen will?
Die aufziehenden dunklen Wolken ignorierte ich, als ich zum Dauerlauf in kurzer Hose und T-Shirt aufbrach. Da kommt nichts, dachte ich. Doch nach nur 10 Minuten hörte ich lautes Donnergrollen, und ich sah die ersten Blitze am Himmel. Wenige Minuten später begann es, wie aus Eimern zu schütten. Und man möchte es nicht glauben, auch bei einem solchen Sauwetter kam mir tatsächlich noch ein Läufer entgegen. Beim Vorbeilaufen rief ich ihm zu: „Schau, dass du aus dem Wald kommst.“ Er hob die Hand und rief zurück: „Du auch.“
Mal unter uns, vor Jahren habe ich mir geschworen, bei einem solchen Wetter nicht mehr rauszugehen. Gut, früher war das anders. Als ich vor knapp 40 Jahren im Trainingslager in Kenia war, herrschte in einem El-Niño-Jahr absolutes Ausnahmewetter. 4 Wochen Dauerregen, selbst kleinste Trampelpfade standen unter Wasser, Bäche wurden zu Flüssen. Training war nur auf der Straße möglich. Ein langer Dauerlauf mit den damaligen Lauf-Kollegen Mark Ostendarp, Andre Green und Martin Block wird mir ewig in Erinnerung bleiben: Wir wollten weg von der Straße und entschieden uns, auf unserer 25-km-Lieblingsrunde – über 3 Hügel und durch 2 wunderschöne kleine Täler – zu laufen. Was ein Lauf. Die roten Lehmbodenwege hatten sich im wochenlangen Dauerregen aufgelöst. Wir liefen im Grunde querfeldein durch Schlamm und Matsch. Einmal wateten wir hüfthoch durch ein Schlammloch, weil wir glaubten, noch auf dem Weg zu sein. In Wirklichkeit waren wir in den Straßengraben geraten, der mit Wasser und Schlamm geflutet war. Die Runde, die wir kannten, gab es nicht mehr. Nach über 2 Stunden kamen wir komplett durchnässt in der Unterkunft an.
Wenige Jahre später, in einer langen Verletzungsphase, war ich einmal mit dem Rennrad unterwegs. Es war ein Gewitter vorhergesagt, aber ich war überzeugt: Man sieht das doch kommen und kann ihm entweichen (Schließlich habe ich „was drauf“ und kann mit einem 40er-Schnitt um die Wolken herumfahren.) Doch plötzlich hörte ich einen Zug. Doch wirklich, es hörte sich an, als ob ein ICE von hinten heranrauschte (es war noch zu der Zeit, als ICE-Züge durchs Land gerauscht, nicht gezuckelt sind). „Wo kommt jetzt mitten im kleinen Lautertal ein ICE her?“, dachte ich noch, blickte mich um und nahm eine graugelbliche Wand am Himmel hinter mir wahr. Von einer Sekunde zur anderen brach der Sturm los. Windböen, die die Bäume brechen ließen, Lichtblitze im Sekundentakt, ein ohrenbetäubendes Donnerknallen und tennisballgroße Hagelkörner. Das ganze Programm. Ich sprang vom Rad, kauerte mich in den Straßengraben und hielt mein Fahrrad schützend über mich, in der Hoffnung, der Rahmen könne mich vor den Hagelkörnern schützen. Eine Fehlannahme! Nach einer halben Stunde war es vorbei. Bis auf die Knochen nass, halb erfroren und von Hagelkörnern verbeult, radelte ich nach Hause. Nie wieder.
Da fällt mir noch der Dorflauf in Altweilnau ein. Was eine Strecke, was eine Rampe (22 Prozent, 2-mal zu laufen), was ein Wetter. Auf der ersten Runde war noch Sonnenschein, auf der zweiten Runde überraschte uns ein Schneegestöber mit Blitz und Donner. Natürlich zog ich meinen Kopf ein, machte mich „bucklig“ und klein, um nicht höher zu sein als der am Wegesrand stehende Holunderbusch. Die Rampe war dann das kleinste Problem. Diesen Dorflauf wird kein Teilnehmer vergessen. Doch nach der Heimkehr von Altweilnau war ich mir sicher: nie wieder.
Dem Gewitter-Läufer vom Dauerlauf in Tübingen möchte ich auf diesem Wege zurufen: Ich bin gut nach Hause gekommen. Bis auf die Knochen durchnässt, halb erfroren. Nie wieder.
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