Machen Tempoläufe im Alter noch Sinn? Dieter Baumann schwelgt in Tempolauf-Erinnerungen
und hat auf die Frage allerdings eine ganz klare Antwort

Es gibt in Münster eine Laufgruppe, die Tempoläufe macht. Das ist noch keine Sensation, denn es gibt in Münster (hoffentlich) viele und in Deutschland Tausende Laufgruppen, die Tempo bolzen. Oh nein, heute sagt man nicht mehr: „Tempo bolzen“. Heute läuft man an der Schwelle. Besser noch, man bleibt drunter. „Unterschwellig“. Es gibt sogar Menschen, die zweimal am Tag unter der Schwelle laufen. Es geht bei Tempoläufen also drunter oder doppelt drunter, nur drüber geht es nicht. Tempoläufe sind in zwei Worten: langweilig geworden. Und damit zurück nach Münster. Das Besondere an der Laufgruppe dort ist, sie machten tatsächlich eines meiner Lieblingsprogramme. Sie nennen es „Dieter Baumann-Einheit“. Eine wirkliche Ehre. Ein Läufer von dort fragte mich an, um einen Text für seinen Coach zur Verleihung der Friedensreiter-Plakette zu bekommen. „Bei den alten Hasen unserer Trainingsgruppe“, so schrieb er, „ist die sogenannte Dieter Baumann-Einheit berühmt-berüchtigt“. Also ich weiß nicht, das Programm ist wirklich kein großes Ding. 14 x 500 Meter im 5-km-Renntempo mit zügiger 200-m-Trabpause. Das könnt ihr auch! Auch nachts um 3. Okay, wirklich interessant wird es erst bei den letzten 4 Läufen. Unterschwellig? Nein. Bei jeder der 500 Meter die letzte Runde eines Rennens imitierend, so war das. 75 Sekunden. Total schön (wenn es gelingt) und damit wird so ein Programm zum Liebling. Nun gut, das mit den Erinnerungen ist so eine Sache. Bei den alten Hasen aus Münster (berüchtigt), wie bei mir (75 Sekunden).

Habe ich einmal erzählt, wie ich eine Rennradtour in den Alpen geplant habe in Anlehnung an meine Erinnerungen an eine Radausfahrt von vor über 35 Jahren? Damals bin ich von St. Moritz über den Julier- und den Albulapass zurück nach St. Moritz in unter 3 Stunden gefahren. Im letzten Jahr kam ich nach vier Stunden in die Dunkelheit und kämpfte mich nochmals 1 Stunde durch die Nacht. Deshalb plane ich heute Radausfahrten nicht mehr nach meinen Erinnerungen, sondern nach Bäckereien, die am Wegesrand liegen. So ein Stück Apfelrahmkuchen ist nach 70 Kilometer in 3 Stunden einfach das Größte.

In Sachen Lieblingstempoprogramm kommt mir Nyahururu, Kenia, in den Sinn. 2500 Meter Höhe. Mit einer Horde wild gewordener afrikanischer Läufer 50 Minuten eingelaufen. Wahrscheinlich verlaufen. 12 Kilometer! Dann 20 x 400 Meter am Berg. Mit Auslaufen 32 Kilometer. Oder der Ochsenhau in Ebni, Baden-Württemberg. 2 x 4 Kilometer. 3 hoch, einer runter. Zum absoluten Lieblingsprogramm wurde es, wenn der Crailsheimer Biobauer im kniehohen Schnee 30 Meter vorneweg trabte. Womit ich zum Liebling aller Lieblingsprogramme komme: 3 x 1000 Meter im 3000-m-Renntempo. 2:30 Minuten. 3 Minuten Pause (ja, mit Pausen kann man Tempoprogramme wirklich versauen). Ich machte es nur einmal. Im Jahr 1997 war das. Manches bleibt gerade wegen der Einmaligkeit in Erinnerung. Und: Alles hat seine Zeit – diese 3 x 1000 Meter würde ich heute nicht mehr machen. Auch mit Staffelkollegen nicht. Denn das würde bedeuten, ich müsste nochmals Tempoläufe machen. Ja klar, in meinen Erinnerungen kann ich das richtig gut. Schnell laufen. Aber im wirklichen Leben – hier und jetzt – ist schnelles Laufen bei mir ein Laufen ohne Dynamik, ohne Abdruck, ohne Kniehub und mit null Beinstreckung. Sieht einfach nicht schön aus. Deshalb keine Tempoläufe, keine Altersklassen-Duelle, ich bevorzuge Radausfahrten mit Apfelrahmkuchen. Was bleibt, sind die schönen Erinnerungen an Lieblingsprogramme. Und ganz ehrlich, ich liebte alle meine Tempoprogramme. Jedes einzelne war ein besonderer Liebling aus einer Welt, in der es bei Tempoläufen auch noch drunter und drüber gehen durfte.