Wenn drei alt-erfahrene Ex-Profiläufer aufeinandertreffen, kann das zu einer Herausforderung werden – selbst für einen hartgesottenen Typen wie Dieter Baumann

Ich bin der Santa Claus. Ohne Witz. Dazu brauche ich keinen weißen Bart und keinen roten Mantel. Zu diesem Titel kam ich in einem Trainingslager vor 40 Jahren in Portugal. Zwei österreichische Laufkollegen, Charly Blaha und Peter Svaricek, waren auch dort. Wir liefen zusammen, gingen abends in eine Taverne zum Essen und spielten Karten. Und ständig sprachen die beiden vom Santa Claus. Santa Claus machte Dauerläufe, Santa Claus ist einkaufen, Santa Claus trinkt Kaffee. Irgendwann stellte ich fest, die zwei lustigen Gesellen aus Österreich meinten damit mich. Ich hatte mir eine weiße Pudelmütze gekauft, die wie ein übergroßer Kaffeefilter auf meinem Kopf thronte … Bis heute nennen sie mich Santa Claus.

40 Jahre später waren wir wieder in einem Trainingslager. Diesmal in Graz, denn in unserem heutigen Leben sind wir alle drei Bühnenkünstler. Charly Blaha bespielt als Songwriter die Clubs in Graz, Peter Svaricek wurde nach seiner Laufkarriere Schwergewichtsboxer und erzählt auf der Bühne Geschichten aus der Wiener Unterwelt. So trafen wir uns für eine Woche, um ein gemeinsames Bühnenprogramm einzustudieren. Der Auftritt sollte am Ende der Woche in Bruck a. d. Murr stattfinden.  Jeden Tag unterbrachen wir unsere Proben, um zur Mittagszeit ein Läufchen zu machen. Abends ging es dann in den Kraftraum. Als sei das noch nicht genug, kam Peter Svaricek jeden Morgen aus seinem Schlafzimmer und sagte: „Burschen, es geht los.“ Damit meinte er seine Morgenroutine. 20 Minuten Stretching. Du hast das richtig gelesen. Laufen, Kraft, Dehnen. Dreimal Sport, an nur einem Tag. Eine ganze Woche lang!

Tägliche Routinen sind nicht so mein Ding. Es muss doch reichen, wenn ich täglich laufe. Die Uhrzeit ist mir egal. Nach meiner Laufroutine darf man sich nicht seine Uhr stellen. Mein Motto: Wer nach Baumann läuft, kommt an, aber zu spät. Hauptsache, ein Dauerläufchen und schon ist es ein schöner Tag. Noch nie machte ich die Erfahrung, dass es mit Stretching schöner wurde. Aber es war sehr schwierig, sich Peter Svaricek zu entziehen. Wenn er sich am Morgen im Wohnzimmer aufbaute und zur täglichen Dehneinheit aufrief, hatte er einen Blick, der dem eines Türstehers eines Nachtclubs in Wien glich. Brav also machte ich die Übungen mit.

Nach dem zweiten Tag bekam ich Muskelschmerzen. Ich weiß nicht, ob es vom Dehnen oder vom Krafttraining kam. Wahrscheinlich von beidem. Schließlich stretchte ich noch nie an zwei Tagen hintereinander. Kraft machte ich eigentlich nie. Die Woche war in jeder Hinsicht besonders. Jeden Morgen bereitete Charly Blaha ein selbst geschrotetes Müsli zu. Der Mann mit den lustigen Liedern ist gleichzeitig Ernährungsberater, glaube ich. Nach dem Müsli gab es Rucola-Blätter. Sie ahnen es: tägliche Routine. Es gab immer fünf Rucola-Blätter. Diese durfte ich nicht als Beilage auf das Käsebrot legen, sondern musste sie einzeln, gut kauend, zu mir nehmen. Warum? Nun, soweit ich verstanden habe, brauchen das die vielen Viecher in meinem Darm. Dort versammeln sie sich, nach den Worten von Blaha, zu einem Kreis und feiern eine große Party. Blaha unterstrich seinen Vortrag mit Zitaten aus Studien, aber um diese Ausführungen abzukürzen, aß ich die Rucola-Blätter. Am Tag des Auftritts ließ ich sie allerdings weg, denn die Party in meinem Darm artete gefühlsmäßig zur Orgie aus. Auch auf das Dehnen verzichtete ich. Meine Muskulatur war so hart, wie ein Wiener Türsteher gar nicht schauen kann. Ich musste sogar den Lauf zum Spaziergang umfunktionieren. Hauptsache, draußen. Irgendwie kann es auch ein Vorteil sein, wenn man keine Routinen hat. Zum Auftritt aber kam ich pünktlich und es war großartig in Bruck und im Trainingslager. Danke, liebe Freunde aus Österreich. Euer Santa Claus.