Ein Lauf, ein Hornissennest – und plötzlich rennen alle Bestzeit. Dieter Baumann kämpft derweil mit der kanadischen Goldrute. 

Zu Beginn des Sommers rief der NABU – Naturschutzbund Deutschland – dazu auf, Fotos von Hornissennestern zu machen und einzusenden. Die Naturschützer wollen damit die Bestände der Hornisse dokumentieren. Sofort kam mir ein NABU-Mann in den Sinn, der mir einst bei einer Wiesenführung mein Breitblättriges Knabenkraut madig machen wollte. Es käme beim Zeitpunkt der Mahd auf das Siebenbürger Perlgras an. Erhaltenswerter als das Knabenkraut, wie er meinte. Ich konnte das nicht unwidersprochen lassen, den mein großes Wald- und Wiesengrundstück, das ich hege und pflege, ist Heimat des seltenen Knabenkrauts, und der Erhaltung dieses Blütenwunders ordne ich (fast) alles unter. Im Lauf der Jahre ist bei mir die Wiesenarbeit so meditativ geworden wie das Laufen. Das aber nur am Rande.

Bei der Meldung mit den Hornissen musste ich auch an die vielen Dorfläufe denken, die mitunter in die Irre führende Namen tragen. Der „Internationale Bisfelder Dorflauf“ beispielsweise. Internationalität erreichte der Lauf wahrscheinlich erst, als ein Schwabe, ich, am Start war. Unlängst beim Spatzenberglauf suchte ich den Berg vergebens. Ganz anders beim Argenthaler Adventslauf. Überall entlang der Strecke sind die Bäume mit Adventsschmuck geschmückt. Wirklich schön. Ebenfalls stimmig verhält sich die Namensgebung beim Kusterdinger Hornissenlauf. In der 34-jährigen Geschichte des Laufs soll es eine Attacke der eigentlich friedliebenden Insekten auf die Läuferinnen und Läufer gegeben haben. Deshalb also der Name. Ich fragte die Masterläufer meines Vereins, ob jemand damals dabei gewesen sei. Und tatsächlich: „Die Frau neben mir trat damals in das Nest, und ein Läufer hinter uns brüllte nur panisch ‚Rennt, so schnell ihr könnt!‘, dann wurde es richtig flott“, bekam ich berichtet. „Vom schnellsten Kilometer der Karriere“, war sogar die Rede. Zur Einordnung sollten wir aber wissen, dass Hornissen ihre Nester nicht am Boden bauen und den Winter nicht überleben. Aber es ist eine schöne Geschichte, die auch die Sportredaktion der „Neckarprawda“ (ja, so wurde das Tübinger ­Lokalblatt damals genannt) gerne aufgriff. Kurzerhand wurde der Dorflauf von ­Kusterdingen in den Kusterdinger Hornissenlauf umbenannt.

Übrigens, bei der Mahd gehören das Abrechen und der Abtransport des Grünguts unbedingt dazu. Nur so kann eine Magerwiese erhalten werden. Entscheidend ist für das Breitblättrige Knabenkraut der Zeitpunkt der Mahd. Eine zu frühe Mahd mag es nicht. Im Gegensatz dazu wäre, um der Kanadischen Goldrute beizukommen, eine frühe Mahd hilfreich. Ein wirkliches Dilemma. Kennen Sie die Kanadische Goldrute? Eine invasive Art. Ein Pflanzenstengel produziert 19 000 Samen! Ein Albtraum für Liebhaber des Breitblättrigen Knabenkrauts. Das fremde Kraut vermehrt sich auch noch über ein Wurzelgeflecht, das sich über das ganze Grundstück ausbreitet. Der Tod für mein Knabenkraut. Dem ist nur mit einer Harke beizukommen. In einer Stunde schaffe ich, 165 Pflanzen aus der Wiese zu hacken. Immerhin sind das 3 135 000 Millionen Blütensamen. Verstehen Sie, was ich sage? Eine Stunde, 165 Pflanzen, 3 135 000 ­Millionen Blütensamen. Wenn das keine meditative Wirkung entfaltet, was dann? Dem NABU habe ich 2 Bilder von 2 Hornissennestern geschickt, für mein Breitblättriges Knabenkraut hacke ich weiter die Kanadische Goldrute einzeln aus dem Boden, und im nächsten Jahr bin ich beim Kusterdinger Hornissenlauf am Start. Mit Gartenharke. Versprochen.