Von Muhammad Ali bis zur 200-Meter-Wette an der Hotelbar: Im Trainingslager lerne ich,
dass Schnelligkeit am Schluss vor allem eine Frage der Erzählung ist.
Muhammad Ali, der weltberühmte Boxer, sagte einmal: „Ich bin so schnell! Als ich letzte Nacht das Licht in meinem Hotelzimmer ausgemacht habe, war ich im Bett, ehe es dunkel war.“ Dieses Zitat passt zu meiner Begegnung mit einer Altersklassen-Laufgruppe namens Gazelle Pforzheim im Ostertrainingslager. Osterzeit ist Trainingszeit. Gefühlt ganz Lauf-Baden-Württemberg ist im Trainingslager im italienischen Cervia unterwegs. An jeder Ecke trifft man Laufgruppen: Laufgruppen am Strand beim Stretchen, im Stadion bei Tempoläufen, in den Gärten der Hotels Hantelstangen stemmend und natürlich im Wald laufend.
Laufgruppen, die nur gehen, trifft man selten. Deshalb war ich überrascht, als ich die „Gazellen aus Pforzheim“ spazierend antraf. „Was steht heute auf dem Programm? Walken?“ – „Bei uns gibt es heute ein Sprintduell“, bekam ich zur Antwort. „Wir sind nur die Zuschauer.“ – „Ach was, wer sprintet denn?“ – „Drei Leute von uns. Die sind schon warmgelaufen“, bekam ich zur Antwort. „Sie haben gestern an der Bar eine Wette abgeschlossen, wer der Schnellste über 200 Meter ist.“ Als ich die Gruppe nach zwei Stunden wieder traf, fragte ich unschuldig: „Und, wer hat gewonnen?“ Ein junger Kerl (ja, in Deutschland beginnt „Altersklasse“ schon mit 30) hob die Hand und sagte: „Ich natürlich!“ Die anderen bildeten einen Kreis und ließen ihn hochleben. „Wie schnell?“, wollte ich wissen. „29 Sekunden.“ Bei dieser Antwort konnte ich nicht widerstehen und fragte: „Wolltet ihr nicht sprinten?“ Mit breitem Grinsen sagte einer: „Ich war Zweiter. Ganz knapp geschlagen“, und stellte sich neben den Sieger. Unter Gelächter schilderten sie wortreich den Rennverlauf. Er trug ein Trikot, das vor langer Zeit (vielleicht) mal Mode war. Eng anliegend, versteht sich. Mutig. „Und wie war deine Zeit?“ – „34 Sekunden“ – „Ach so, knapp geschlagen“, meinte ich lachend. „Wo ist denn der dritte Kollege?“, fragte ich und schaute in die Runde. Da antwortete eine Läuferin: „Der läuft noch“, und alle lachten los.
Weil es gerade um Schnelligkeit geht, ein Wort zur Mondmission Artemis 2. Die 4 Astronauten flogen genau um Ostern herum in Richtung Mond. Sie waren auch dort in aller Munde. Da ich Vereinschef einer Trainingsgruppe einer Universitätsstadt bin und dort viele Studenten aus allen Fachrichtungen zum Training kommen – wir haben Juristen, Medizinerinnen, Psychologinnen, Physiker –, bekomme ich zu allen Fachfragen immer eine gute Antwort. In Sachen Mondmission stürzte ich mich auf unseren Physiker Oskar. Mithilfe der Anziehungskraft des Mondes ist es irgendwie möglich, auf dem Rückweg zur Erde Energie zu sparen. Das sogenannte Steinschleuderprinzip. „Wie funktioniert das genau?“, wollte ich wissen. „Keine Ahnung. Ist nicht meine Fachrichtung“, bekam ich von Oskar mundfaul zurück. Doch so einfach wollte ich ihn nicht davonkommen lassen und outete mich als Fan von „Raumschiff Enterprise“. „Ist es denn theoretisch möglich, sich von Ort zu Ort zu ,beamen‘? Das wäre für die NASA doch die Lösung.“ Was ich denn mit „beamen“ meine, wollte er wissen. Offensichtlich war er zu jung, um „Raumschiff Enterprise“ gut zu kennen. (Die Gazellen aus Pforzheim wüssten das.) So klärte ich ihn über Captain Kirk auf, erzählte von Mr Spock und von Scotty. Scotty war derjenige, der die Leute hin und her „beamen“ konnte. In null Komma null Sekunden. Der bekannteste Satz der Serie war: „Beamen Sie mich hoch, Scotty.“ Oscar schüttelte den Kopf: „Du meinst instantan? Das ist unmöglich.“ Damit ließ er mich stehen. Instantan? Was heißt hier unmöglich? Muhammad Ali kann das. Noch während er den Lichtschalter betätigt, liegt er instantan im Bett. Ach was, es ist ja noch hell im Zimmer. Schneller als instantan. Das muss ich unbedingt den Jungs von Gazelle Pforzheim erzählen.
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