Irgendwann ist es auch mal gut mit dem Rennen bis zum Umfallen – empfiehlt der Kolumnist seinem Freund Günni. Er will ihn überzeugen, dass Dorflauf-Teilnahmen die gesunde Alternative wären
Am Abend vor dem Valencia-Marathon bekam ich von meinem Kumpel Günni eine WhatsApp-Nachricht mit einem Bild, das ihn am Flughafen mit Samuel Fitwi zeigte. Mit breitem Grinsen steht er da mit dem deutschen Spitzenläufer. Unterschrift: „Vom Profi lernen!“ Ja, für solche Späße ist Günni immer zu haben. Der Marathon am nächsten Tag war dann für ihn kein Spaß mehr. An dieser Stelle nur die Kurzversion: Bei Kilometer 32 stellte er sich zum ersten Mal die Sinnfrage, bei 36 durchlitt er seine fünfte Krise und bei 39 begann er zu wandern. Auf dem Zielbild sah er fürchterlich aus. Es erinnerte mich an eine Aufnahme, die er mir einmal gezeigt hatte, von einer jungen Handballmannschaft im Foyer einer runtergekommenen Jugendherberge. Günni, damals ein wirklich guter Handballer, hockte dort in der ersten Reihe. Die Haare in alle Himmelsrichtungen, sein Blick: müde. Schwarze Ränder unter den Augen.
Das Foto entstand bei einer Reise der Handball-Nachwuchsauswahl nach Polen. Zur Erinnerung, das war damals keine Vergnügungsreise. Der Eiserne Vorhang wurde mithilfe eines Transitzuges durch die DDR überwunden. Der Handballtross, ausgestattet mit allen Genehmigungen und Rallyestreifen, konnte sich trotzdem nicht der scharfen Gepäckkontrolle der DDR-Grenzbeamten mitten in der Nacht entziehen. Und in Polen kamen die Nachwuchsspieler nach ihrem Turnier in Warschau in einen großen Protestzug. Es waren Umbruchzeiten. Lech Walesa trieb seine Revolution voran. Die Stadt wurde aufgrund der Proteste von der Staatspolizei abgeriegelt. Mittendrin Günni und seine Mannschaftskollegen. Die Jugendherberge lag außerhalb der Stadtgrenze. Es fuhr kein Taxi, keine Straßenbahn, nichts. Und überall Polizeikontrollen. Stundenlang irrten die jungen Leute durch Warschau, bis der Trainer spät in der Nacht auf einen Trupp Müllfahrer traf. Er erklärte seine Notlage und kurzerhand luden sie die jungen Nachwuchsspieler in ihre Fahrzeuge und schleusten sie so, völlig unbehelligt, durch die Polizeikontrollen. Bei der Rückkehr in die Unterkunft entstand das geradezu historische Mannschaftsbild. Die Jungs sahen fürchterlich aus. Und das Zielbild von Valencia – wie gesagt – sah wie ein Duplikat des Manschaftsbilds von damals aus.
Natürlich zog ich ihn damit auf, als ich ihn in den folgenden Tagen traf. Auch mit dem Vergleich der Fotos. „Das ist wirklich schon lange her“, sagte er und das Leuchten seiner Augen unterstrich den leise nachgefügten Satz: „Geil war das.“ Tatsächlich reiste man damals noch ganz anders, im Gegensatz zu den Rundum-sorglos-Sportreisen zu den großen Marathons dieser Welt. Ich erinnere mich an eine Reise mit meinem Verein LG Alb Donau zum Vergleichskampf in die Schweiz. Die gesamte Mannschaft wurde in einem unterirdischen Atombunker untergebracht. Einmal davon abgesehen, dass heute kaum ein Verein eine gesamte Leichtathletik-Mannschaft zusammenbekäme (von 100 Meter bis Diskus), würde auch keiner mehr in einer solchen Anlage übernachten. Aber: „Geil war das!“ Allerdings fragten wir uns damals, für was so ein Teil gut sein soll? Günni meinte: „Zum Schutz vor irren Machthabern, die eine ganze Stadt mit Polizisten terrorisieren können.“ Wie komme ich jetzt auf so schwere Themen?
Ja, Günni war wirklich niedergeschlagen. Er sagte: „Ich höre auf.“ Zuerst dachte ich, er geht in Rente, bis mir einfiel: Das ist er doch längst. Dann war mir klar, er meinte das Laufen. „Warum das denn?“, fragte ich und er sagte: „Ich bin zu alt für den Scheiß.“ Ein Satz wie aus einem Film. Ich schloss ihn in die Arme und nahm mir vor, ihn zum nächsten Dorflauf mitzunehmen. Keine Zeiten, nicht länger als 10 km, wir übernachten im Bulli und im Ziel gibt es eine riesige Kuchentheke.
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